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Das Lean Startup-Prinzip – Eine Chance für Konzerne?

 

„Innovation ist eine Reise mit unbekanntem Ausgang – wir machen das!“ Sätze die man oft hört von Konzernvorständen… oder auch nicht.

Die digitale Welt hat neue Geschäftsmodelle hervorgebracht, die viele Traditionsfirmen bedrohen. Diese wollen nun mit modernen Methoden zurückschlagen. Zu diesen Methoden gehört auch das „Lean Startup“ – Prinzip.

Die Position der Kunden hat sich in der Konsequenz deutlich verbessert. Sie sind gut informiert und können ihr Konsumverhalten in früher unvorstellbarer Geschwindigkeit und Dimension verändern. Diese massive Erhöhung der Geschwindigkeit in den Märkten verlangt eine radikale Beschleunigung in den Unternehmen, damit sie am Markt schnell genug reagieren und adaptieren können.

Hier könnte also die „Lean-Startup“-Methode greifen. Eric Ries entwickelte und beschrieb sie 2011 in seinem Buch „The Lean Startup“. Dabei geht es darum, mit möglichst wenig Kapital und reduzierten Prozessen einen Produkt-Launch zu starten. Anstelle einer langen Konzipierung ist das Ziel, so schnell wie möglich einen Prototyp oder eine Beta-Version an den Markt zu bringen, um dann das Produkt auf Basis der reellen Kundenbedürfnisse zu optimieren.

„Build-Measure-Learn“: Zentraler Aspekt von Lean Startup ist es, Feedbackschleifen zu beschleunigen, um damit schnell und ressourceneffizient die richtigen Produkte & Lösungen zu finden, oder auch frühzeitig zu erkennen, dass man besser nicht weiter in eine Idee investiert. Und zwar gemeinsam mit dem Kunden!

Die Digitalisierung dreht sich inzwischen derartig schnell, dass man ihr kaum noch mit eigenen Bordmitteln Herr werden kann. Trotz digitalem Wettrüsten sind traditionelle Unternehmen meist viel zu langsam. Startups und ihre Impulse könnten gerade deswegen für traditionelle Unternehmen hilfreich sein.

Aber was könnten traditionelle Unternehmen von der „Lean-Startup“-Methode lernen?

Startups und ihre Erfolge haben fast immer mit Software, Daten, Algorithmen, neuesten Technologien, Communitys, Plattformen und Netzwerkeffekten zu tun. Sie beschäftigen sich primär mit Problemstellungen, die durch digitale Ideen gelöst werden können. Herkömmliches wird radikal infrage gestellt und Vorhandenes neu kombiniert. Experimentell suchen sie nach Neuentwürfen und besseren Lösungen als die, die es am Markt bereits gibt. Sie probieren innovative Wege aus und kalkulieren das Scheitern mit ein. Dazu gehört nicht nur Mut, dies steht auch im Widerspruch zur sozialen Verantwortung gegenüber Arbeitnehmern.

„Start many, try cheap, fail early“ heißt bei Google dieses Prinzip: Viele Projekte starten, sie mit kleinen Mitteln im Markt testen, Flops schnell erkennen und eliminieren. Fehler werden in der digitalen Welt als Lernfelder gefeiert. Fuckup-Nights, bei denen Gründer von ihrem epischen Scheitern berichten, sind groß im Trend. Jeder kann dort klüger werden.

Aber wo genau liegt nun der Unterschied?

Egal ob Startup oder Konzern: Aufgrund der Digitalisierung ist in den Märkten eine ganz neue Dynamik entstanden. Wie in der Einleitung beschrieben, ist es für viele Unternehmen enorm wichtig, sich schnell auf neue Situationen einstellen zu können. Dementsprechend können traditionelle Unternehmen eine Menge durch die Lean-Startup-Methodik lernen. Insbesondere die folgenden vier Aspekte sollen hierbei hervorgehoben werden:

1. Pivoting: In dieser Methodik werden ursprünglich geplante Vorgehensweisen sofort über Bord geworfen, wenn sie sich als nicht markttauglich erweisen. Unverzügliche Kurswechsel werden in Angriff genommen, wenn der Wind plötzlich anders weht. In der Praxis zeigt sich, dass traditionelle Unternehmen an laufenden Projekten oder an einer Jahresplanung auch dann noch festhalten, wenn ein Scheitern bereits absehbar ist. Zögerliches Abwarten und “am Kurs festhalten“ sind dort die Norm. Dies kann man auf die etablierten und unflexiblen Prozesse sowie teilweise die jeweiligen Entscheider zurückführen.

2. „Entrepreneurship is management“: Unternehmen brauchen heute eine andere Form von Führung. Das liegt, wie bereits erwähnt, an dem dynamischen Markt, aber auch an einem neuen Wertesystem der Mitarbeiter. Eine andere Führung, andere Strukturen, die einen neuen Rahmen setzen und für die notwendigen Freiräume sorgen – denn eine schlechte Führung und ein schlechtes Arbeitsumfeld sind zentraler Grund für das Ausscheiden von High Potentials. Dies wird bei der Adaption von Lean Startup-Methoden oft am meisten unterschätzt.
Darüber hinaus muss die Organisation und Führung auf einen ressourcenschonenden Betrieb ausgelegt werden. Aufwendige Reportings, unnötige Meetings und die gesamte Selbstbeschäftigungsbürokratie klassischer Organisationen sind dort tabu, wenn sie keinen Produkt- oder Dienstleistungswertschöpfenden Beitrag bringen.

3. Validiertes Lernen: Die Geschäftsidee an sich sowie alle Entwicklungsschritte werden iterativ mithilfe von Kundenmeinungen optimiert. Start-ups existieren um zu lernen, wie ein nachhaltiges Geschäftsmodell geschaffen werden kann. Die besten Ideen kommen dabei oft von draußen. Ständige Feedbackschleifen von testen – lernen – verbessern – testen – lernen – verbessern ermöglichen rapide Kurskorrekturen. Hierzu werden nutzbare, minimal funktionsfähige Produkte (Minimal Viable Products, kurz MVP) schnell auf den Markt gebracht und sukzessive durch User in deren realem Umfeld getestet. Die Folge ist eine laufende Optimierung und Eliminierung von allem überflüssigen. Traditionelle Unternehmen und insbesondere Konzerne besitzen in der Regel zu komplexe und starre Prozesse, gewachsene Strukturen, Quality Gates und strickte Ressourcenplanungen, um agil und flexibel auf Kundenfeedback reagieren zu können. Im Gegensatz dazu wird eher in eine zeitaufwändige Wettbewerbsanalyse und Marktforschung investiert.

4. Aus Kundensicht denken: In den direkten Kontakt mit dem Endanwender zu treten, ist eine Basisdevise im Lean Startup System. Dies kann unter Umständen heißen, raus auf die Straße zu gehen, Kunden bei der Anwendung zu beobachten und mit (potenziellen) Kunden zu sprechen. In traditionellen Unternehmen hingegen wird eine, nach Meinung der Ingenieure und Entwickler, perfekte Lösung in den Markt geworfen und in einer Rückschau durch aufwendige Kundenzufriedenheitsuntersuchungen anhand vorformulierter Fragen validiert. Repräsentativität ist aber doch wichtig? Wenn 20 von 20 Testern ein Leistungsmerkmal unerträglich finden, ist das ziemlich aussagekräftig.

Fazit – der größte Unterschied und, damit der Aufruf an die traditionellen Unternehmen, scheint zu sein:
• Minimieren Sie die Bürokratie
• Lieben Sie Ihre Kunden
• Binden Sie Kunden aktiv in den Entwicklungsprozess mit ein
• Seien Sie beweglich und schnell am Markt
• Denken Sie Ihre Geschäftsmodelle von Anfang an digital

Das klingt doch ganz einfach, oder?

In Bezug auf den Wandel der Unternehmenskultur, können Kooperationen mit Startups dabei eine Hilfe sein. Viele Firmen suchen inzwischen den Austausch mit der Gründerszene… Beispielsweise wurde erst kürzlich in der Computerwoche (Nr. 34 vom 21.08.2017) in einem Artikel berichtet, wie der Stahlhändler Klöckner den kulturellen Change stemmt. Darin wird berichtet wie vor wenigen Wochen der CEO zehn Zentralbereichsleiter aus der Konzern-Holding zu einer „Fuck-up Night“ außerhalb der Zentrale in ein Düsseldorfer Loft eingeladen hatte. In lockerer und offener Atmosphäre erzählte der Firmenlenker zusammen mit zwei externen Gästen von eigenen Fehlern aus dem Business-Leben. Die anschließende angeregte Diskussion dauerte bis tief in die Nacht. Ziel war es, mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen, wie man aus Fehlern lernen und sich weiterentwickeln kann.
Der CEO Rühl berichtet dabei von einem gescheiterten OnlineShop-Projekt. Er habe es zu lange laufen gelassen. Bei der noch nach herkömmlichen Methoden entwickelten Lösung sei von Beginn an versucht worden, konzerntypisch möglichst alle Funktionalitäten abzudecken. Mangels ausreichender Interaktion mit den potenziellen Nutzern habe man aber komplett an deren Bedürfnissen vorbeientwickelt, berichtet Rühl. Anschließend schwenkte man bei dem Stahlhändler auf die Lean-Startup-Methode um. Trotzdem gelinge natürlich noch immer nicht jede Neuentwicklung.

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